Wie verändert gesellschaftliche Polarisierung unsere Konfliktlandschaften – und was bedeutet das für Mediation in Infrastrukturprojekten? Diesen Fragen widmete das adribo-Netzwerk sein diesjähriges Gesellschaftertreffen vom 25. bis 27. September in Esslingen und Stuttgart – mit zwei hochkarätigen Gästen aus Wissenschaft und Wirtschaft.
Den Auftakt bildete am Freitagabend eine Führung durch die Stuttgarter Weissenhofsiedlung – ein passender Ort, um über das Verhältnis von Aufbruch, Streit und Verständigung nachzudenken: Was heute Weltkulturerbe ist, war 1927 hochumstritten.

Der Blick nach innen: Polarisierung in Dialogverfahren
Der Samstagvormittag gehörte der eigenen Praxis. Unter der Moderation von adribo-Gesellschafterin Nina Kuch arbeiteten die Gesellschafterinnen und Gesellschafter in einem Workshop zum Thema „Polarisierung in Dialogverfahren“ heraus, wo ihnen politische Aufladung, Lagerbildung und Verhärtung in Verfahren bereits begegnen: vom Umgang mit Wut über Kommunikation auf Augenhöhe bis zur Frage, wie sich mehr Ambiguitätstoleranz erreichen lässt.

(Gedankenspeicher des Vormittagsworkshops: Was beschäftigt uns – persönlich und in der Arbeit – in Bezug auf Polarisierung und Verhärtung zwischen Menschen? Moderation: Nina Kuch)
Ein Impuls von adribo-Gesellschafter Dr. Piet Sellke verband diese Beobachtungen anschließend mit Erkenntnissen aus Neuropsychologie und Risikoforschung: Wer sich bedroht fühlt – in Status, Autonomie oder Fairness –, kann Argumente kaum noch verarbeiten. Für die Mediationspraxis heißt das: erst Sicherheit, dann Inhalt.

Demokratie-Monitor 2026: Befunde von Prof. Frank Brettschneider
Am Nachmittag präsentierte Prof. Dr. Frank Brettschneider (Universität Hohenheim) exklusiv Ergebnisse aus dem Demokratie-Monitor 2026, für den seit 2021 mehr als 25.000 Menschen repräsentativ befragt wurden. Die Befunde sind ernüchternd und ermutigend zugleich: Rund 17 Prozent der Befragten teilen ein populistisches oder geschlossen populistisches Weltbild, die Zufriedenheit mit dem Funktionieren der Demokratie im Bund ist seit 2021 von 65 auf 39 Prozent gefallen. Zugleich bleibt sie auf kommunaler Ebene bemerkenswert stabil – und genau dort liegt der Hebel: Eine deutliche Mehrheit wünscht sich repräsentative Demokratie plus dialogische Beteiligung. Wer gute Beteiligung erlebt hat, vertraut Gemeinderat und Demokratie messbar stärker. Brettschneiders Fazit passt zum Kerngeschäft von adribo: verständliche, begründende Kommunikation, echte Dialogangebote – und Räume für Begegnung.

Die Konflikte von morgen: Rohstoffe und CO₂-Infrastruktur
Den zweiten Praxisblick lieferte Thomas Beißwenger , Hauptgeschäftsführer des Industrieverbands Steine und Erden Baden-Württemberg (ISTE), der 500 Unternehmen mit 800 Werken vertritt. Neben den klassischen Akzeptanzfragen der Rohstoffgewinnung richtete er den Blick nach vorn: Bei Zement, Kalk und Abfallverbrennung entsteht prozessbedingt unvermeidbares CO₂ – der Weg zur Klimaneutralität führt dort über Abscheidung, Transportnetze und geologische Speicherung. Mit dem Kohlendioxid-Speichergesetz von 2025 gibt es dafür erstmals einen nationalen Rechtsrahmen; ob Baden-Württemberg per Opt-in auch die Speicherung im eigenen Land ermöglicht, ist eine der spannenden Fragen der kommenden Jahre. Klar wurde: Um CO₂-Leitungen und Speicherstandorte wird eine neue Generation von Infrastrukturkonflikten entstehen – mit neuen Anforderungen an Dialog und Vermittlung.

Was wir mitnehmen
Am Sonntag zog das Netzwerk intern Bilanz: Die Verbindung aus neuropsychologischem Verständnis, empirischer Demokratieforschung und Branchenperspektive schärft das adribo-Profil – von der Verfahrensgestaltung in aufgeladenen Konflikten bis zur frühzeitigen Begleitung der CO₂-Infrastruktur. Wir danken unseren Gästen für zwei außergewöhnlich substanzreiche Beiträge und die offene Diskussion.