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Perspektive in Coronazeiten: Chancen der Online-Mediation. Eine Erwiderung.


Nicole Etscheit M.A. - 1. Februar 2021

Günter Erdmann hat in seinem jüngst veröffentlichten Beitrag „Mediation – Quo vadis? Ein Zwischenruf“ (adribo Aktuelles vom 15.01.2021) seine tiefe Skepsis gegenüber Online-Mediation deutlich gemacht, geschrieben aus der Sicht – um ihn zu zitieren – „eines aktiven WirtschaftsMediators“ und „eines älteren weißen Mannes“, der „aus der Kraft der Erfahrung“ argumentiert.

Zutreffend macht er darauf aufmerksam, dass das Mediationsverfahren von der Präsenz der Beteiligten lebt. Neben dem Gehörten sind für die Mediator:innen insbesondere Mimik und Gestik der Mediand:innen und wie sie aufeinander reagieren von großer Bedeutung für ein erfolgreiches Verfahren. Und: Präsenzmediationen sind angesichts der Pandemie derzeit nicht leicht umzusetzen.

Aber muss die Mediation angesichts dessen gleich in einen Lockdown? Ich meine „nein“ und möchte dies mit meinen Erfahrungen in Familienmediationen beschreiben.

Zunächst einmal haben Mediator:innen gezwungenermaßen aus der Not eine Tugend gemacht und neue Perspektiven entdeckt: die Online-Mediation.

Die durch die Corona-Pandemie erforderliche Distanz in und Digitalisierung der Kommunikation hat der Online-Mediation in den vergangenen Monaten einen wegweisenden Entwicklungsschub gebracht. Es kann sogar nicht ausgeschlossen werden, dass das Onlineformat auch nach Beendigung der Coronabeschränkungen aufgrund signifikanter Vorteile weiterhin eine durchaus interessante Alternative zur Präsenzmediation bleiben wird. Dem liegen folgende Überlegungen zu Grunde:

Sehr positiv wirkt sich eine Online-Mediation auf Zeit und Geld der Beteiligten aus. Wege oder längere Anfahrten entfallen, es muss kein gemeinsamer Sitzungsort gefunden und bezahlt und dort ggf. übernachtet werden. Zudem gestaltet sich die Terminfindung in der Regel einfacher, Ganztagssitzungen, die entstehen, damit sich der Reiseaufwand und die Kosten auch lohnen, können in kleinere Einheiten aufgeteilt werden. Weitere Beteiligte, wie zum Beispiel Gutachter, Anwälte oder sonstige relevante dritte Personen können dem Verfahren durch ein paar Klicks hinzugeschaltet werden.

Manche Mediationen werden auch erst durch die Möglichkeit, sie online durchzuführen, zu einer konkreten Alternative: in hocheskalierten Konflikten, in denen Angst im Spiel ist oder bei verfeindeten Gruppen, die sich aus Sicherheitsgründen nicht miteinander an einen Tisch setzen würden, bietet sich der virtuelle Raum zur Konfliktlösung besonders gut an. Aber auch in grenzüberschreitenden Streitigkeiten, wie zum Beispiel in binationalen Familienkonflikten, kann die Online- Mediation zu Lösungen führen, die sonst aufgrund der Distanz gar nicht zum Einsatz kommen könnte. Die Mediand:innen bleiben in ihrer eigenen und vertrauten Umgebung bzw. an einem Ort, den sie frei wählen können, was ebenfalls zu mehr Sicherheit und einem Gefühl stärkerer Autonomie führen kann als in einer Präsenzmediation. Der Zugang zur Mediation ist deutlich einfacher und könnte ihr zu einer stärkeren Popularität verhelfen, zumal es unkompliziert ausprobiert werden kann und die Einstiegs-, aber auch Ausstiegsschwelle gering ist – mit einem Klick kann die Mediation beendet werden.

Günter Erdmann ist beizupflichten, dass das technische Online-Format nach bisherigen Erkenntnissen deutliche Auswirkungen auf die Emotionalität der Mediand:innen hat: Mimik und Gestik sind über einen Bildausschnitt für alle nur eingeschränkt wahrnehmbar und die Emotionen weniger ersichtlich. Die Beteiligten können sich leichter distanzieren und ihre Emotionen zurückhalten. Dies muss allerdings nicht für alle Fälle ein Nachteil sein. Bei sehr impulsiven Streitparteien oder in hoch eskalierten Konflikten kann es überhaupt erst zu der Bereitschaft, an einer Mediation teilzunehmen führen, hingegen besteht bei eher stillen Konfliktparteien die Gefahr, an der Oberfläche zu bleiben. In solchen Fällen erfordert es deutlich mehr Anstrengung, Gefühle und Interessen der Mediand:innen herauszuarbeiten. Hier kann es hilfreich sein, die Bildausschnitte am Computer zu vergrößern, um der Konfliktpartei und ihren Emotionen dadurch näher zu kommen. Da eine Präsenzmediation in Coronazeiten grundsätzlich auch nur mit Masken möglich ist – was die Mimik ebenfalls einschränkt – erscheint mir die Online-Mediation im Hinblick auf die Wahrnehmung der Emotionen als durchaus gangbare Verfahrensoption – gerade in Coronazeiten, in denen der Wunsch nach einer konsensualen Konfliktlösung ersichtlich gewachsen ist.

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Nicole Etscheit M.A.

Zertifizierte Mediatorin, Rechtsanwältin
Fachanwältin für Familienrecht


Die Autorin Nicole Etscheit ist seit 1999 in Berlin als Rechtsanwältin im Familienrecht tätig. Ihre langjährige Erfahrung in diesem Bereich führte sie zur Mediation, die familiäre Konflikte durchweg besser und nachhaltiger lösen kann als unter Einbeziehung des Familiengerichts.

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